Sah es nach der Bundestagswahl am 24.09.2017 noch danach aus, als wenn zusätzliche radikale gesundheitspolitische Veränderungen durch die Erklärung der SPD in die Opposition
gehen zu wollen, ausbleiben würden, sind genau diese jetzt die „Conditio sine qua non“, um wieder eine arbeitsfähige Bundesregierung zu bekommen.

Noch am 27.12. sagte Sigmar Gabriel in einem Interview mit der BILD-Zeitung „Und klar ist auch: Wenn die Union darauf besteht, dass gesetzlich Versicherte schlechter behandelt werden als privat Versicherte, dann macht es ebenfalls wenig Sinn, Koalitionsgespräche zu führen.“ Mit viel Polemik, wenig Sachverstand und häufig nicht erkennbaren Motiven wird seit Jahren in unserem für viele Länder noch vorbildlichen Gesundheitswesen „herumgedoktort“. Eine Verbesserung der medizinischen Versorgung aus ärztlicher Sicht fand dabei genauso wenig statt, wie die so häufig versprochene Entbürokratisierung.

Vieles was den Ärzten heute zur Last gelegt wird – z.B. die Wartezeiten auf ambulante Termine – war letztlich Folge von gesundheitspolitischen Reformen. In diesem Zusammenhang wird gerne die Bevorzugung von Privatpatienten ins Feld geführt. Getrieben von der These der vermeintlich zu teuren Doppeluntersuchungen haben wir Ärzte uns teilweise selbst vor den Karren spannen lassen: durch die Einführung des „KO-Kataloges“ durch die KBV um die Jahrtausendwende, durften viele technische Leistungen wie Koloskopien durch auch hausärztlich tätige Fachärzte nicht mehr zu Lasten der GKV erbracht werden. Die unmittelbare Folge war – mit
gehöriger Latenz – die Wartezeitdiskussion.

Aber auch die Attraktivität der Niederlassung für junge Ärzte, welche in der Klinik gelernt haben, dass Diagnose und Therapie im 21. Jahrhundert nicht mehr allein durch Abhören und Abtasten auf qualitativ vertretbarem Niveau erbracht werden können, wurde u.a. auch durch diese Reform erheblich vermindert.

2004 wurden durch Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen die tagegleichen Pflegesätze als Finanzierung der Kliniken abgeschafft. Die Folgen sind vielfältig. Wurde vor 2004 den Ärzten in den Kliniken vorgeworfen, die Patienten aus ökonomischen Gründen zu lange im Krankenhaus zu behalten, ist es jetzt die nicht indikationsgedeckte Mengenausweitung von Operationen und Prozeduren. Bevor dies möglich war, mussten jedoch die Entscheidungsstrukturen in den Kliniken verändert werden. Waren früher Ärzte die maßgeblichen Entscheider, sind es heute oftmals Kaufleute.

Der Charme des DRG-Systems ist jedoch insbesondere, dass durch jährlich angepasste „Preise“ gezielt bestimmte Versorgungsstrukturen in die Unwirtschaftlichkeit getrieben werden. Bestes Beispiel hier ist die großflächige Schließung geburtshilflicher Abteilungen. Aber nicht nur einzelne Abteilungen, auch Grund- und Regelversorgungskrankenhäuser sollen aus dem Gesundheitswesen nach politischem Willen verschwinden und tun dies auch bereits. Hierbei wird missachtet ober bewusst verschwiegen, dass sich genau aus diesen Krankenhäusern der Hausarztnachwuchs gerade auch in den ländlichen Regionen rekrutiert. Die sich hieraus derzeit schon ergebende Folge – die vermehrte Inanspruchnahme der gleichen Kliniken wegen der schwindenden Zahl der Praxen – wird aber von der Politik genau diesen Kliniken vorgeworfen.

2016 lieferte die „Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina“ in den 8 Thesen „Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem“ der Politik eine Steilvorlage. Statt ca. 2.000 würden ca. 330 Kliniken in Deutschland ausreichen. Hierdurch ließe sich die Qualität der Gesundheitsversorgung deutlich steigern, indem man sie auf weniger, aber dafür größere Kliniken konzentriere. Denn in größeren Einrichtungen würden die Mitarbeiter mehr Erfahrung auch mit seltenen Erkrankungen sammeln, zusätzlich ließe sich mit mehr Personal besser planen, und die technische Ausstattung wäre auf dem neuesten Stand. Ob hochspezialisierte Abteilungen in „Klinikfabriken a la Bayer Leverkusen“ jedoch noch in der Lage sind, die große Zahl älterer, multimorbider Patienten mit häufig 10 Diagnosen medizinisch qualitativ adäquat zu behandeln, muss bezweifelt werden. Genauso wenig dürften sich hieraus Hausärzte rekrutieren lassen, die den Menschen als Ganzes verstehen – von der zu geringen Arztanzahl um den ambulanten Bedarf überhaupt zu decken, ganz zu schweigen.

Vor dem Hintergrund der vergangenen Reformen und deren Auswirkungen, sind die Erlöse aus der Behandlung von privatversicherten Patienten bis dato ein stabiler und kalkulierbarer Faktor für uns Ärzte, aber auch ein beträchtlicher Pfeiler, der eine noch schnellere Schließung von Kliniken verhindern konnte. Diesen gilt es zu erhalten, da unter Berücksichtigung der bisherigen Veränderungen, die Einführung einer „Bürgerversicherung“ die Versorgung der Bürger weder gerechter noch besser machen wird. Interessant ist dabei, dass einer der maßgeblichen Protagonisten dieser Bürgerversicherung – der SPD-Abgeordnete Prof. Dr. med. Karl Lauterbach – 2012 noch 64.000 Euro laut Geschäftsbericht als Aufsichtsrat der Rhön-Kliniken AG kassierte. Allein hieran lässt sich die wahre Absicht der Einführung einer Bürgerversicherung ableiten.

Die PVS/Westfalen-Süd rkV als ärztliche Gemeinschaftseinrichtung versteht sich hier als natürliche Vertretung ärztlicher Interessen. Durch unseren Verband mit Geschäftsstelle im Charite-Viertel in Berlin versuchen wir dort, wo die für uns alle maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden, diese in die Bundespolitik einzubringen.

Um Ihnen hier die Möglichkeit der Partizipation an diesen Prozessen zu geben, lade ich Sie herzlichst zu einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Quo vadis privatärztliche Tätigkeit?“ am Dienstag, den 30.01.2018, um 18:00 Uhr in die Apo-Bank Dortmund ein. Im Podium werden Dr. Volker Leienbach (Verbandsdirektor des PKV Verbandes), Dr. Markus Stolaczyk (Bundesärztekammer Berlin) und Stefan Tilgner (PVS Verband Berlin) sitzen. Die Moderation erfolgt durch Hauke Gerlof von der Ärzte Zeitung. Im Anschluss möchten wir Sie gegen 20:00 Uhr zu einem Get-together einladen. Weitere Informationen und ein vorbereitetes Anmeldeformular finden Sie im beigefügten Flyer.

Mit den besten Wünschen für Sie und Ihre Familie für das Jahr 2018 verbleibe ich bis dahin

Ihr Dr. med. Andree Matern

1. Vorsitzender der PVS/Westfalen-Süd